Gewöhn dich nicht.
Du darfst dich nicht gewöhnen.
Eine Rose ist eine Rose.
Aber ein Heim
Ist kein Heim.
Sag dem Schoßhund Gegenstand ab
Der dich anwedelt
Aus den Schaufenstern.
Er irrt. Du
Riechst nicht nach Bleiben.
Ein Löffel ist besser als zwei.
Häng ihn dir um den Hals,
du darfst einen haben,
denn mit der Hand
schöpft sich das Heiße zu schwer.
Es liefe der Zucker dir durch die Finger,
wie der Trost,
wie der Wunsch,
an dem Tag
da er dein wird.
Du darfst einen Löffel haben,
eine Rose,
vielleicht ein Herz
und, vielleicht,
ein Grab.
Das ist ein Gedicht aus der Reihe: Du musst dein Leben ändern. Der Tonfall ist eindringlich, aber nicht bedrohlich, eher seufzend. Die Sprecherin weiß, dass wir alle – sie eingeschlossen – ihre guten Ratschläge nicht befolgen werden. Mit welcher Autorität spricht sie? Aus der Erfahrung einer Person, die selbst Scheitern und Vergeblichkeit erlebt hat.
Und sie ruft berühmte Zeugen auf: implizit Rilke mit seinem berühmten Schlussvers: du musst dein Leben ändern, Wittgensteins Rose ist eine Rose ist eine Rose und auch Diogenes von Sinope in seinem Fass, der Alexander den Großen wegschickte und am Ende befand, dass er keinen Löffel am Band um den Hals brauche, sondern auch mit den Händen Wasser schöpfen könne. Dem widerspricht Hilde Domin, es geht nicht um eine Ideologie der Eigentumslosigkeit, sondern um Leichtigkeit, Fluchtfähigkeit. Man muss jederzeit fliehen können und darf sich an nichts binden, das ist eine Erfahrung, die Hilde Domin gemacht hat. Und viel wichtiger als alle Gegenstände, die uns aus den Schaufenstern anwedeln, ist die Hoffnung am Ende ein Grab zu haben, auch dieser Wunsch ist typisch für Menschen, die selbst erzwungenes Exil erfahren haben. Ein Herz und ein Grab haben, das bleibt als Wunsch eines Lebens, das in Begegnungen, in Gedanken und Erinnerungen stattfindet , und nicht zwischen Gegenständen.
Sie weiß , dass wir uns nicht daran halten werden und schickt eine Warnung hinterher in der typischen Melancholie von Hilde Domin, die nicht schwer und drückend ist, sondern eher trocken und uns zuflüstert: Es ist so; sieh es endlich ein!
Wenn die kleinen weißen Straßen
Im Süden
Die du gegangen bist
Sich dir öffnen wie Knospen
Voller Sonne
Und dich einladen.
Wenn die Welt,
frischgehäutet,
dich aus dem Haus ruft
und dir ein Einhorn
gesattelt
zur Tür schickt.
Dann sollst du hinknien wie ein Kind
Am Fuß deines Betts
Und um Bescheidenheit bitten.
Wenn alles dich einlädt,
das ist die Stunde
wo dich alles verlässt.

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