Unter Geiern, so nennt Robert Gernhardt eine Gedichtsammlung, die er 1994 geschrieben hat. Beim Durchlesen bleibe ich als erstes bei einem Gedicht über Tiger hängen, das sehr gut zu meinem vorigen Blog „Extincta“ passt. Man merkt es den Gedichten an, dass sie für Lesereisen entstanden sind, für den direkten Vortrag und die Kommunikation mit dem Publikum. Das passt gut zu meinen Vorstellungen von einer lebendigen Lyrik:
Der Tiger-Report
Im Fernsehen, zu den besten Sendezeiten
Betrachten wir gerührt die Todgeweihten:
„Schau mal, ein Film über Tiger!
Die werden auch immer weniger!“
Warum heißt der Löwe Löwe?
Weil er durch die Wüste löwt.
Warum heißt der Tiger Tiger?
Weil er auch durch die Wüste löwt,
aber viel gewaltiger.
(Unruhe)
Der löwt auch, aber viel gewaltiger!
(Verstärkte Unruhe)
Gewal-Tiger!
(starke Unruhe)
Was sind das für Zeiten, wo ein Witz über Tiger schon fast
Ein Verbrechen ist, weil er ein Schweigen einschließt über
So viel Aussterben.
(Eisige Ruhe)
Die letzte Sentenz ist eine Anspielung auf zwei Zeilen aus dem Gedicht „An die Nachgeborenen von Bertolt Brecht aus dem Jahr 1938; dort heißt es, dass ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt. Die Zeilen könnten sich auch beziehen auf die Auseinandersetzung um den Ausspruch von Adorno: Nach Ausschwitz Gedichte zu schreiben, ist barbarisch (1949). Erwartungsgemäß rief dieses Verdikt den Protest der deutschen Dichter hervor. Unter dem Eindruck der Lyrik Paul Celans zog sich Adorno schließlich von dieser Position zurück. Der Streit um das Recht von Gedichten, unpolitisch, nutzlos und schön zu sein, ist in Deutschland allerdings viel älter (dies könnte man an dem schönen Heine- Gedicht „Epilog“ von 1834 diskutieren).
Das Tiger Gedicht von Gernhardt geht dann -leicht gekürzt- so weiter:
Tja Tiger,
Du Tiger
Bist auf diesem Planeten vermutlich
Die längste Zeit rumgetigert.
Man ist nicht ungestraft
Die schwerste
Die stärkste
Und die schönste
Aller Raubkatzen.
…
Warum so exotisch?
Das macht nur erotisch.
Warum diese Krallen?
Krallen gefallen.
Warum diese Streifen?
Streifen ergreifen.
Warum diese Größe?
Größe ist Blöße.
Warum diese Stärke?
Die reizt doch nur. Merke:
Reih dich ein bei uns Schwachen!
Vielleichtlässt sich da noch was machen.
…
Wozu braucht die Welt große Katzen?
Das fragen mit den besten Wünschen für ein
Friedliches Zusammenleben
Die Menschen, die Ratten, die Spatzen.
Immer thematisiert ist bei Gernhardt auch der Widerspruch zwischen sogenannter Hochkultur und dem, was die Menschen verstehen können. Ein ziemlich grober Keil in den Block der Hochkultur ist das folgende Gedicht:
Nach der Lektüre einer Anthologie
Der Pissefleck am Fuß der Rolltreppe der
U-Bahnstation der Miquel-Adickes Allee
Ich behaupte nicht, dass er besser ist
Als eines der vielen Gedichte,
die ich heute gelesen habe.
Ich weiß nur, dass er mir mehr sagt
Dieser Pissefleck am Fuß der Rolltreppe der
U-Bahn_Station der Miquel-Adickes-Allee
Redet davon, dass da wer unter Druck stand
Kündet davon, dass das unbedingt raus musste
Zeugt davon, dass der, den es drängte,
schnell was aus einem Guss hinlegte
Diesen Pissefleck am Fuß der Rolltreppe der
U-Bahnstation der Miquel-Adickes-Allee
Vor Augen gedenk ich der Stimmen
Die heut zu mir sprachen, so
Drucklos, so dranglos, so
Schwunglos, so harmlos, so
bisslos, so zwanglos, so
harnlos, so hirnlos.

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