Tod beim Wandern

Wo wird einst des Wandermüden
Letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden,
unter Linden an dem Rhein?

Werd ich wo in einer Wüste
Eingescharrt von fremder Hand
Oder ruh ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand?

Einerlei! Mich wird umgeben
Gottes Himmel dort wie hier,
und als Totenlampen schweben
nachts die Sterne über mir.

Heinrich Heine ca 1835

Vollendete Verse  in gleichmäßig schlagendem Rhythmus, die Reime fügen sich in einer Selbstverständlichkeit, die nur den großen Meistern gelingt. Man könnte kein Wort ändern, ohne dass alles zusammenbricht, dies gehört zu den Gedichten, die man nach zwei- dreimal lesen nie wieder vergisst. Dementsprechend bekannt ist es, vielleicht erscheint es abgedroschen, darüber zu reden. Zugegeben, sehr schöne Bilder, aber was kann uns das noch sagen: ein Mensch denkt über den Ort seines Grabes nach, für den Dichter scheint das noch offen, wir denken eher an den lokalen Friedhof.

Das Schlussbild  ist grandios : Gottes Himmel und die Sterne – alles für dich allein. Endlich bist du im Zentrum des Universums, als Toter zwar, aber immerhin. Vielleicht gibt es Menschen, die so ein Panoramabild mit dem Sterben versöhnt.

So erinnern wir das Gedicht. Aber jetzt, beim nochmaligen Hören, schieben sich andere Bilder und ein kaltes Entsetzen dazwischen: ein Kind liegt am Strand, etwa vier Jahre alt, wie schlafend, aber die Körperhaltung so verdreht, und man darf doch nicht so nah am Wasser schlafen…Und andere Bilder – alle ähnlich – von überladenen Schlauchbooten, Menschen mit dunklen Gesichtern über grellen Schwimmwesten. Dazu werden immer Zahlen genannt, wie viele man nicht sehen kann, weil sie ertrunken sind, wir ergänzen in unserer Fantasie, wie das Meer sie ans Land spült an fernen Küsten, auf den Wüstensand.

Es war von einem Wandermüden die Rede, und wir sahen einen nachdenklichen älteren Menschen vor uns, der über sein Grab nachdenkt, nicht sehr aufregend. In seinem neuen Zusammenhang funktioniert das Gedicht anders: es fängt mit dem Wandermüden an, aber dann heißt es immer : ich..ich..ich. Dieser Perspektivwechsel trifft uns mit einer Wucht gegen die wir uns nicht wehren können – will das Gedicht uns etwa einreden, dass wir es sind, die da wie Abfall an fremde Küsten gespült werden? Wenn der Wandermüde kein friedlich gealterter Europäer ist, sondern ein gescheiterter junger Migrant aus Afrika -wieso dann die Ich-Form? Die Tausende Tote im Mittelmeer, das sind doch andere, Fremde, nicht wir!

 Einerlei: Gottes Himmel und die Sterne sind für alle dieselben, und so ist es doch auch unser Schicksal, dort zu liegen im Wüstensand. Eingescharrt von fremder Hand…im besten Fall.


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