In diesem Blog möchte ich in unregelmäßigen Abständen Gedichte vorlesen und kommentieren. Passend zu unserer Inszenierung von „Hin und Her“ von Horvath, die jetzt im Januar noch zweimal gespielt wird, beginne ich mit diesem Gedicht über die Emigration.

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, Die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.

Das sprach auf deutsch Und küsste mich auf deutsch,
man glaubt es kaum,
wie gut es klang, das Wort „Ich liebe dich!“
Es war ein Traum.

Äußerste Einfachheit und Kürze kennzeichnen dieses Gedicht H. Heines aus dem Jahr 1832, geschrieben kurz nach seiner Emigration.

Die erste Strophe erweckt den Eindruck einer sehr konventionellen Schilderung; Veilchen und Eichen, sanft und hoch. Was ist daran so traumhaft? Die harte politische Realität dieses Vaterlands wird ausgeblendet. Das nennt man eher Illusion oder Verdrängung. Man hat den Eindruck, das Gedicht ist verfehlt. Nur die Vergangenheitsform hält die Spannung aufrecht: wie verliert jemand sein Vaterland?

Die zweite ebenso kurze Strophe erzählt dann überraschend von den Gefühlen, die der Dichter mit diesem Veilchen-Eichen-Vaterland verbindet: Es ist deshalb schön, weil die Menschen ihn dort geliebt haben. „Das küsste mich auf deutsch“ – die einzige sprachliche Irritation des Gedichtes leitet einen Umschwung ein. Darum geht es also: nicht um Grenzen und Gefängnisse, sondern der Entzug der liebevollen Umgebung hat stattgefunden, damit Entzug der grundlegenden Lebensbedingung, die Entwurzelung des Baums, die Entfernung der Erde von seinen Wurzeln. Die formal zwingend und doch überraschend folgende letzte Zeile trifft uns dann wie ein Schlag in den Magen: es war ein Traum – die Möglichkeit unter den Menschen zu leben, die dich lieben. Das also bedeutet erzwungene Emigration.

In einem guten Gedicht geht es immer sofort ums Ganze. Selten geschieht das in solcher Kürze wie hier.

 Heinrich Heine hat in Paris eine neue Heimat gefunden und dort seine Mathilde geheiratet. Seine Gedanken und Werke kreisten weiter um Deutschland, das es als einheitlichen Staat ja noch gar nicht gab. Aber das ist eine andere Geschichte.


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