Heute stelle ich Gedichte von mir vor, die ich 2019 und 2020 verfasst habe anlässlich einer Ausstellung von Bildern von Friederike von Hellermann, die am 2.3.2020 in unserem Theaterfoyer stattfand. Es handelte sich dabei um eine Serie von 10 Drucken einer besonderen Metallfolien-Drucktechnik. Die Drucke stellten ausgestorbene, genauer ausgerottete Vogelarten dar. Für die Vernissage in unserem Theaterfoyer unter dem Titel „Extincta“ begleitete Frank Zabel den Vortrag meiner Gedichte mit improvisierter Musik. Ich habe im folgenden 3 Gedichte ausgewählt.
Finale
Wir sind nicht Herr unserer Taten.
Getriebene , plötzlich erschrocken:
Zertrampelt, versifft, voller Tod
Ist unser Lager! Voraussicht
Macht uns zu Menschen? Das war
Mal ein Diktum voll Zuversicht.
Das Ende unserer Heimstatt,
unseres Habitats, das wir teilen,
steht fest: die Sonne wird es verschlingen.
Ansonsten wissen wir wenig, was uns
bevorsteht. Unsere Art ist empfindlich
mit Luft und Wasser und Temperatur.
Die wilden Exzesse von Anfang und Ende
Sind nichts für uns. Wir sind Geschöpfe
Der Mitte, mild temperierter Prozesse,
wässriger Chemie, nicht- ionisierender Strahlung.
Warum dann – zum Teufel!- sind wir
So maßlos, so eilig, so unbesonnen?
Und die Dinos…?
Wer war schuld am großen Sterben
Ende Kreide, Anfang Tertiär?
Ein Meteor traf Yucatan,
Asche und Gas erbrach ein Vulkan.
Und die Säuger – vielleicht
Fraßen sie Eier.
Dinge passierten, bevor es uns gab,
einfach so. Und jetzt geschieht
vieles durch uns, alles mit uns.
Da ist auch Neid auf die Dinos,
großer Schwanz und kleiner Kopf,
und schuld an nichts.
Sie beherrschten die Erde, so sagt man,
zweihundertfünfzig Millionen Jahre.
Was heißt schon herrschen? Sie waren die größten,
sie fraßen die andern und sie fraßen das Gras,
aber keiner fraß sie. Und die Zeit vergaß
sie , bis ein Meteor
und ein Vulkan…
Zum ersten Mal in der Geschichte des Lebens auf unserem Planeten ist das Aussterben von Arten mit der moralischen Frage der Schuld verbunden. Und diese Schuldfrage stellt sich gleich doppelt: Schuldig werden die Menschen an sich selbst, weil sie durch die Vernichtung anderer Arten ihre eigene Lebensgrundlage gefährden oder gar zerstören: keine Art kann überleben, die auf diesem Planeten plötzlich ganz alleine dasteht. Schuldig aber auch, weil die Menschen als „Herren der Welt“ Verantwortung für alles andere Leben übernommen haben, das jetzt von ihrem Handeln abhängt. Andere Lebewesen treten damit in ein Verwandtschaftsverhältnis zum Menschen, sie gehören zur Familie. Und wir sind als Familienvorstand offensichtlich überfordert.
Dieses Gefühl für die Gemeinschaft alles Lebendigen teilen wahrscheinlich viele Menschen, auch wenn sie dies nicht formulieren als Aufnahme von mehr Tier- oder gar Naturrechten in unsere Gesetzgebung. Leider lassen sich diese Gefühle nur mobilisieren, wenn es um die Sympathieträger unter den Tieren geht: um schöne große Säugetiere wie Löwen oder Tiger oder Wale. Wenig Aktionen gibt es gegen das Verschwinden der Raubfliegen oder der Wasserflöhe in unseren Tümpeln. Aber selbstverständlich geht es gerade darum, das Netzwerk des Lebendigen gegen allzu schnelle menschengemachte Veränderungen zu schützen.
Veränderungen überhaupt zu verhindern, das wird uns immer überfordern, egal wie großartig wir unsere Fähigkeiten steigern.
Die Letzten werden die Ersten sein…
Der Mensch kam spät
Nach schwierigem Anfang
Erklomm er die Spitze.
Weiter aufwärts geht nicht,
es sei denn, man glaubt an
die Kolonisierung des Weltalls.
Die Hänge abwärts
Sind alle nicht leer.
Wer lauert vorm Penthouse?
Lassen wir den Blick
ein wenig schweifen
Vom Dach der Welt…
Wer ist uns nahe, wer fern, wer egal?
Wer glaubt, das Überleben
Knallroter, kleiner Frösche,
unten im Wald sei uns wichtig
Schaue sich um! Unser Gipfel
Ist kein Plateau, mehr Theater
mit Rängen und Logen.
Erzähle mir keiner
Wir seien bereit, die
Logen zu räumen und
Uns zu Fröschen zu setzen
mit nassem Hintern.
Sollen sie durchhalten!
Warten, bis der Berg sich räuspert.

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