Arabeske

Im Feld, das dunkelt unter fahlem Zorn
Des wetterschwarzen Himmels, tanzet bleich
Ein Irrer durch der Schatten-Träume Reich
Wie eine Flamme in dem stummen Korn.

Er singt und summt. Und eine Distel schwingt
Er stolz wie eine Rose in der Hand.
Auf seinem greisen Haupte schellt und klingt
Ein Narrenhelm statt einem Königsband.

An langen Tafeln ging ihm manches Fest,
Der eine Rübe schmählich nun verdaut.
Indes auf seinen Schritt aus feistem Nest
Im Halmetor ein alter Hamster schaut.

Er hatte drei der Töchter. Welche nur?
Er war ein König vor geraumer Zeit.
Wie lange schon, dass er von dannen fuhr,
Zu wandern durch der Himmel Einsamkeit.

Der schwarze Sturm, der sich am Himmel türmt,
löscht eines düstren Abends banges Licht.
Aus abgestorbenen Eichen jagt und stürmt
Ein Rabenvolk, wie schwarzer Schneefall dicht.

Ein böses Tier schreit in dem toten Wald,
Ein fabelhafter Löwe. Und sein Fell
Scheint gelb hervor. Ein Blitz. Und weithin hallt
Der laute Donner durch die Wolken grell.

„Arabeske“ betitelt Georg Heym dieses Gedicht aus dem Frühjahr 1911.
Arabeske bedeutet ursprünglich Verzierung mit pflanzlichen Motiven, Akantusranken, später im Zusammenhang mit Literatur bezeichnet das Wort eine groteske Situation.
Interessant, dass sich hier ein 24jähriger Dichter mit King Lear identifiziert. Sie treffen sich in der Ablehnung der bestehenden – aus ihrer Sicht verlogenen – Ordnung. Die wilde Natur ist ein  Spiegelbild ihrer inneren Natur. Die Wut des Alten kommt dem wütenden Jungen sehr vertraut vor, andrerseits aber auch grotesk, hilflos und lächerlich. Der Alte schwingt Zwiebeln überm Haupt und wird dabei von einem Hamster beobachtet. Dann aber kommt ihm die Natur zu Hilfe und steigert seine Wut mit schwarzem Sturm und mächtigen bösen Fabelwesen.
Wenn Georg Heym von seiner eigenen Wut träumt, dann lässt er die ganze Welt untergehen: „Herr lass wieder Krieg sein im Land…“ schreibt er in seinem Tagebuch. Den jungen Wilden erscheint der verstoßene heimatlose Alte, der in einer stürmischen Heidelandschaft umher irrt,  als ein Geistesverwandter, ebenso fremd, ebenso unverstanden, ebenso angefüllt mit ungeheuren Emotionen. Dass die Situation des Alten aus dem Streit über die Selbständigkeit seiner Kinder herrührt, wird dabei ausgeblendet.

Georg Heyms Leben ist kurz und voller Rebellion. Er studiert Jura, und er hasst es. Mit den anderen Expressionisten teilt er die Ablehnung der bürgerlichen Enge und Arriviertheit seiner Umgebung, des deutschen Kaiserreichs kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges.  Wiederum aus seinem Tagebuch: „Mein Gott, ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthusiasmus in dieser banalen Zeit. Denn ich bedarf gewaltiger äußerer Emotionen, um glücklich zu sein.“ Er möchte am liebsten seine ganze Umgebung in die Luft sprengen. Dieser Protest ist aber nicht politisch orientiert, er will Freiheit für sich, Luft zum Atmen. Ein Krieg wäre willkommen, „es darf auch ein ungerechter sein“. Er sieht sich als Revolutionär auf den Barrikaden, aber nicht als Mitglied irgendeiner Gruppe. Von den anderen Expressionisten hält er nicht viel. Offensichtlich auch nicht von seinem Publikum:

„Ich las gestern in dem Neopathetischen Cabaret einige Gedichte vor, die sehr beklatscht wurden. Aber wenn das der Ruhm ist.- Ich weiß nicht, plötzlich schien es mir, als sähen mich aus dem Dunkel des Saals lauter Tiere an, und die Ochsen saßen ganz vorne und blökten mich an. Ich dachte: sie sind zu gut für euch, viel zu gut.“…

Heyms wilder Expressionismus und destruktive Kraft äußert sich weniger in sprachlichen Experimenten oder dem Zerbrechen überkommener lyrischer Formen als in ungeheurer Emotionalität und gewalttätigen Bildern. Wenn er einmal im Zustand innerer Ruhe schreibt, entstehen Gedichte von klassischer Ausgewogenheit und Schönheit. In seinem Tagebuch erzählt er von den inneren Stürmen und der unstillbaren Wut, um dann – als ob er sich selbst 50 Jahre später betrachten würde – zu schreiben: „Man könnte vielleicht sagen, dass meine Dichtung der beste Beweis eines metaphysischen Landes ist, das seine schwarzen Halbinseln weit herein in unsere flüchtigen Tage streckt.“….

Georg Heym stirbt im Januar 1912    beim Schlittschuhlaufen im Alter von 24 Jahren. Er ist mit seinem Freund Ernst Balcke auf der Havel Schlittschuh fahren gegangen. Sie verlassen das gesicherte Gebiet, der Freund bricht ein, Georg Heym versucht ihn zu retten und bricht dabei selbst ein. Er kann sich noch eine Weile an das Eis klammern und um Hilfe rufen. Waldarbeiter in der Nähe hören seine Schreie. Seine Leiche wird später flussabwärts an einem Wehr gefunden.


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