Wir alle denken wohl immer häufiger über die letzten Jahre der Weimarer Republik nach angesichts der wachsenden Stärke des Rechtspopulismus. Wie fühlte sich die Lage damals an, und welche Chancen hätte es gegeben, den Weg in den Abgrund zu vermeiden? Kurt Tucholsky hat damals sehr klar das Schicksal Deutschlands vorausgesehen, ohne allerdings irgendwo eine rettende Kraft zu entdecken. Er veröffentlichte im Oktober 1929 in der „Weltbühne“ unter dem Pseudonym Theobald Tiger das folgende Gedicht:
Hej – !
Auf einem leeren Marktplatz stehst
Du –
Ganz allein:
Die Häuser haben geflaggt, jedes trägt eine andere Fahne,
die Dächer sind schwarz vor Menschen;
eine wimmelnde Schlange rings um den Platz gepresst.
Aus jedem Haus dringt Getöse, Blechmusik, Orgeln, wirres Rufen –
Und plötzlich
Heben sich alle Arme auf dich,
zehntausend ausgestreckte Zeigefinger, auf dich,
und ein Schrei steigt auf:
- “Hej!“
Was wollen sie von dir?
was hast du getan?
Was sollst du tun?
So groß bist du doch gar nicht,
so wichtig bist du doch gar nicht…
Eintreten sollst du – in eines dieser Häuser,
in welches, ist ihnen gleich –
aber in eines,
und darum rufen sie:
- „Hej!“
Da ist das katholische Haus:
Würdige Junggesellen halten, verkleidet, ein Buch in der Hand;
Manche sind weise,
viele klug,
alle schlau.
Sie wollen dich,
sie wollen sich
und vergessen IHN.
Sie teilen eine Art Wahrheit aus;
Sie kennen die Herzen aller,
sie ordnen Regeln an für alle:
ein Warenhaus der Metaphysik.
Aber etwas Starres ist da,
ein Trübes,
und drohend steht das Kreuz gegen den Phallus – :
geh nicht hinein.
-„Hej!“
Da ist das Haus der Nationen.
Sture Gewaltmenschen
Halten, kostümiert, einen Damaszenerdegen in der Hand,
aber sie schießen mit Gas.
An ihren Wänden hängen Bilder mittelalterlicher Kämpfe,
Fahnen über den Kaminen –
Aber sie schießen mit Gas.
Sue wissen nicht, warum sie das tun,
sie müssen es tun;
ihr Wesen schreit nach Menschenfleisch,
nach der herrlichen, den Mann aufwühlenden Gewalt,
so liebt ihn die Frau,
so liebt er die Frau.
In ihnen ist nichts,
daher wollen sie außer sich sein –
und wann wäre man wohl so außer sich
wie bei der Zeugung und beim Mord!
Verwaltungsbeamte des Todes – :
Geh nicht hinein.
„Hej!“
Da ist das Haus der feinen Leute.
Die spielen ab sechs Uhr abends:
Mit der Polaritätsphilosophie,
mit Theaterpremieren,
mit den Symphonien,
mit der Malerei,
mit dem Charme,
mit dem Stil,
mit den Versen Verstorbener,
mit den Witzen Lebendiger –
und alles darfst du bei ihnen tun,
(solange es zu nichts verpflichtet),
alles, nur eines nicht:
Nicht die Geschäfte stören,
den Ernst des Lebens,
der da ist:
Geld verdienen mit dem Schweiß der andern;
Regieren auf dem geduldigen Rücken der andern;
Leben vom Mark der andern…
Für die Sättigungspausen
Haben sie einen Pojaz bestellt:
Den Künstler.
Geh nicht hinein.
„Hej!“
Da ist das russische Haus.
Du kennst es nicht genau.
Aber bist du reif für dieses Haus?
Ist dein Tadel:
Ihre starre Dogmatik
Ihr Zeloteneifer, eine neue Kirche zu gründen,
ihr scharfer Hass gegen den Einzelnen,
aber Lenin war ein Einzelner-
ihre Affenliebe für alle, die alles heilen soll-:
ist dieser Tadel nicht deine verkappte Schwäche?
Auch sie: dieser Welt hingegeben
Erwarte nicht den Himmel von ihnen –
Auch sie: Nationalisten,
freilich mit einer Idee;
auch sie: für den Krieg,
auch sie: erdgebunden;
das, was sie an die Amerikaner verhökern,
heißt nicht umsonst; Konzessionen…
Bist du stark genug,
mitzuarbeiten am Werk?
Noch nicht,
geh noch nicht hinein.
„Hej!“
Tausend Gruppen umbrüllen dich,
rufen nach dir,
preisen an die warme Heimat: Herde.
Sag: hast du nicht Sehnsucht gehabt nach dem Stall,
nach dem warmen Stall, wo nicht nur die Krippe lockt,
die Wiesen genügen –
nein: wo die tierische Wärme der Leiber ist,
das vertraute Muh und das Gemeinschaftsgefühl der Menschen?
Sie schrein:
In die Reihn!
In den Verein!
Sie schrein:
Die Zeit des Einzelnen ist vorbei,
das trägt niemand mehr!
Freiwillige Bindung!
Schwächling! schrein sie, Einzelgänger, Unentschiedener!
Her zu uns!
Zur Ordnung! Zur Ordnung!
Über den Häusern
Ragen die Wipfel
Geduldiger Bäume.
Rauschend bewegen sie schäumende Kronen.
Zurück zur Natur?
Hingegeben an dämmernde Herbstabende
Wo die göttliche Klarheit
Des bunten Tags
Sich auflöst in weich-graue Nebel?
Vergessen das Leid
Der Millionen?
Und die Wirkung roten Weins
Und eine Frau am Kamin
Für die letzte Sprosse der göttlichen Weltordnung nehmen?
Frauen geben. Nimm. Aber erhoffe nichts.
Zurück zur Natur?
Bleib verwurzelt, aber geh nicht
Mit der Laute zu ihr:
Du gehst zurück…
- Hej!“
Da stehst du
Und siehst um dich:
Die Rufer verschwimmen,
treten zurück…
Du bist nicht allein!
Um dich
Stehn Hunderttausende:
Frierend wie du,
suchend wie du,
jeder allein wie du
Trost? Nein: Schicksal.
Bleib tapfer.
Bleib aufrecht.
Bleib du.
Hör immer den Schrei:
„Hej!“
Lass dich nicht verlocken.
Geh deinen Weg. Es gibt so viele Wege.
Es gibt nur ein Ziel.
Die Veröffentlichung dieses Gedichts am 29. Oktober fällt auf den Höhepunkt des Börsencrash in New York, der die Weltwirtschaftskrise auslöste. Deren Dauer und schwerwiegende Folgen waren noch nicht absehbar. Bei den nächsten Wahlen im September 1930 hatte sich im Vergleich zu den Wahlen 1928 das Ergebnis der NSDAP verdoppelt, während die SPD als staatstragende demokratische Partei verlor.
Die Stimmung des Gedichtes mutet ein wenig existentialistisch an, Jahre vor dessen Aufkommen. Es geht um die Frage: wie kann man überhaupt leben angesichts des Verfalls der demokratischen Gesellschaft? Tucholsky sieht offensichtlich keine Möglichkeit einer politischen Beteiligung ohne sein Recht als selbstständig denkendes Individuum aufzugeben.
Auffällig ist die relative Milde gegenüber den Kommunisten, die in den folgenden Jahren eifrig an der Zerstörung der Weimarer Demokratie mitwirken werden. In seinen politischen Analysen ist dies Tucholsky vollkommen bewusst, aber in seinen Gedichten sträubt er sich, diese in seinen Augen einzigen konsequenten Vertreter der Arbeiterinteressen vollkommen abzuschreiben.
Vier Jahre später, in einem Brief aus dem Exil an Walter Hasenclever, bricht es aus ihm heraus:
„Mir tut jeder Satz leid, den ich aus falsch verstandenem Mitgefühl gegen Russland unterdrückt habe. Dieser nationalistische Dreck verdient genau denselben Fußtritt wie Hitler auch. Schade um jeden einzelnen Kommunisten, der heute in den Lagern malträtiert wird! Die Sache hat´s verdient, Russland nicht.“
Und zur Lage in Deutschland: „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die politische Form, unter der ein Volk lebt, die Quintessenz seines innersten Wesens ist…Sie ist nur der Ausdruck dafür, was es erträgt. Und schlüpfen die inneren Kräfte einer Nation in diese Form, dann lebt diese Form eben, dann ist sie organisch angewachsen…Man stellt sich nicht unter einen Kirschbaum und fleht ihn an, Äpfel zu tragen…Das Land ist auf einer Bahn, einer schrägen, aufwärts oder abwärts, die aus den Gefilden herausführt, in denen wir aufgewachsen sind. Die Welt, der wir angehört haben, ist tot. Man muss das mit Anstand zu tragen wissen…“
1930 veröffentlicht Tucholsky ein weiteres Gedicht zur Lage in Deutschland mit dem Titel „Der breite Rücken“, in dem er sich darüber lustig macht, dass alle wie die kleinen Kinder sich die Rettung von Papa Hindenburg versprechen. Die letzten Zeilen lauten: ein alter General ist uns geblieben / als letzte Hoffnung dieser Republik.
Was uns zum Schluss zu der Frage führt: wieso schauen wir hoffnungsvoller in die Zukunft?
Ich sehe drei Unterschiede: erstens -wir leben nicht in einer ungeliebten Demokratie, die gerade mal 10 Jahre alt ist, sondern in einem Staatswesen, das schon seit 3 Generationen demokratisch organisiert ist. Zweitens: gegen das Gift des Nationalismus haben wir die europäische Verankerung, und drittens ist die wirtschaftliche Gesamtlage deutlich stabiler als 1929. Noch- jedenfalls. Suchen wir also nach anderen Gedichten, und sorgen wir für andere Wahlergebnisse!

Schreibe einen Kommentar