Wolf Wondratschek
Ein Lächeln
Wir haben rot,
wir warten auf grün,
die Motoren warten,
die Menschen warten,
ich warte
und sie wartet auch,
ich bin ein Mann,
sie ist eine Frau,
ich denke, ein Lächeln wäre nichts,
aber angenehm,
aber sie schaut weg,
durch die Luft nach vorne,
und hasst mich, weil ich ein Mann bin,
weil es Nachmittag ist
und sonst nichts.
„Kennen wir uns?“
Nein.
„Was will der Kerl?“
Nichts.
Ich denke, wir haben Zeit füreinander,
ein wenig, ein paar Sekunden bis grün.
Sie denkt, ich will ihre Beine sehen,
aber die Autotür ist aus Blech,
auch im Kapitalismus.
Sie könnte den Rückspiegel abreißen
Oder das Gas durchtreten bis zum Erdmittelpunkt,
wo es dann gleichgültig wäre,
Mann oder Frau,
Tag oder Nacht,
rot oder grün.
Bei gelb fährt sie los,
als wolle sie die Straße totfahren.
Was haben, denke ich,
alle Menschen miteinander falsch gemacht,
unsere Eltern, unsere Ahnen,
unsere Affen?
Was ist aus der Geschichte mit
Unserer Zukunft geworden?
Und dass nur Frauen Beine haben,
was kann ich dafür?
Hier könnte das Gedicht aus sein.
An der nächsten Ampel ist es ein Mann,
der mich für eine Frau hält
oder für einen Irren, weil ich
wieder lächle für einen
kurzen Augenblick.
Und als ich mein Auto parke,
zählt einer die Groschen, die ich
in die Parkuhr stecke, weil in der Zeitung
einer gesucht wird, von dem jede Spur fehlt.
Vielleicht steht nachher, zuhause,
ein Mann vor der Tür und sagt
„Sind Sie Herr Wondratschek?“
Und ich sage „Was gibt´s?“
Und er sagt „keine falsche Bewegung!“
Und nachts im Traum, denke ich,
werden sie mich dann verhaften,
diese Frau,
dieser Mann,
die Eltern
die Ahnen und
die Affen.
Ich muss mit einem Widerspruch beginnen: für mich entstammt die Gefühlswelt der Lyrik Wondratscheks aus den siebziger Jahren, dort sind seine Gedichte großenteils entstanden mit Ausnahme des Carmen Poems von 1986, dessen Titel ich in der Überschrift dieses Blogbeitrags zitiere. Dieses Poem zieht sozusagen die Bilanz der frühen Jahre von Wondratschek; es ist leider zu lang, um hier angeführt zu werden.
Die Lyrik Wondratscheks kommt recht breitbeinig daher, anstößig und streitlustig, geschrieben von einem Frauenversteher mit außerordentlich maskuliner Selbstdefinition.
Die Diskussion um die Konflikte zwischen Männerrollen und Frauenrollen ist seitdem 50 Jahre weitergegangen, und man mag sie in der damaligen Fassung nicht mehr entspannt genießen. Allzu gönnerhaft erscheint das Frauen-Verstehen und allzu scheinheilig die männliche Selbstkritik. Andrerseits werden viele Leser wie ich dabei Momente der Selbsterkenntnis haben, und das macht das Wieder-Lesen dann auch spannend. Und die poetische Kraft mit der überraschende Bilder und Begegnungen in diesen Gedichten auftauchen, kann den Zuhörer immer noch mitreißen und verzaubern, mich zumindest.
Als Profiboxer bin ich zu alt
Langsam wurde es abend
Und langsam dunkel.
Ein Mädchen rief an;
Ein Mädchen, oder wie du sagst,
wieder so eine.
Sie hatte ANGST, verrückt zu werden.
Ich weiß nicht, sagte sie.
Ich weiß auch nicht, sagte ich.
Wir unterhielten uns über das Wetter
Und Zadeks Shakespeare Inszenierungen, nicht wahr,
und über die Vorteile von Karottensaft.
Ich hörte zu und wurde müde.
Ich dachte an einsame, impotente, kalte Männer,
die nachts von fremden Frauen träumen,
in irgendeiner Hofeinfahrt irgendwo
in ihrem Kopf,
sie haben auch ANGST, verrückt zu werden;
Zärtlichkeit, das sind Schlingpflanzen,
das zieht dich auf den Grund.
Ich weiß nicht, sagte sie.
Der Himmel war bewölkt,
man sah keine Sterne,
die Männer, die von der Arbeit kamen,
schliefen bereits, durch mehr als ihren Schlaf
getrennt von ihren Frauen.
ANGST? Ich warte drei Stunden
Auf Ali´s Kampf gegen Spinks und kroch
Nach Ali´s Niederlage ins Bett,
üde und alt wie ein Ex-Weltmeister.
Ich lag im Bett
Und draußen wurde es hell,
es blieb dunkel.

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