Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
und die beringten Hände auf der Flut
wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
des großen Urwalds, der im Wasser ruht.
Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein,
Warum sie starb? Warum sie so allein
Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?
Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht
stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,
Wie Nachtgewölk. Ein langer weißer Aal
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.
Diesen ersten Teil des Gedichtes ergänzt Heym um weitere Strophen, in denen die junge Leiche an Feldarbeitern vorbeitreibt und schließlich durch eine Industriestadt in eine unbestimmte Unendlichkeit.
Für den deutschen Expressionismus in der Dichtung gibt es einen Startschuss : Karl Klammers Übersetzung der Gedichte Rimbauds erscheint im Jahr 1907. Unter diesen Gedichten auch die Ophelie.
Erfunden hat sie Shakespeare: Ophelia, die Verlobte des Prinzen Hamlet, verliert den Verstand, nachdem Hamlet ihren Vater erstochen hat.. Beim Blumenpflücken fällt sie in den Fluss und treibt – von ihren höfischen Gewändern getragen – noch eine Weile auf der Wasseroberfläche. Dabei singt sie offenbar unbeeindruckt von der Todesgefahr bis die Kleider sich vollgesogen haben und sie im Wasser versinkt.
Shakespeare gibt seiner Ophelia nicht viel Raum und lässt sie nicht viel Initiative ergreifen. Aber durch ihren Tod im Wahn – singend und mit Blumen geschmückt untergehend- gewinnt sie Strahlkraft und Bedeutung als Anklägerin, weit über das Drama hinaus. Wir versuchen, sie zu verstehen, meistens über ihre Beziehung zu Hamlet. Warum wird sie verrückt, woran stirbt sie wirklich? Wir können ihr Schicksal nicht akzeptieren, sehr weit geht dabei Taylor Swift, entkleidet sie ihrer Passivität und verwandelt sie in eine moderne Heldin.
Auch in Rimbauds frühem Gedicht Ophelie singt diese vor ihrem Tod, allerdings „Tausend Jahre lang“. Sie treibt wie eine Märtyrerin durch die Flusslandschaft wie eine Heilige, die von Naturkräften verehrt und betrauert wird. An der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert und insbesondere in den zwanziger Jahren gewinnt die Figur der toten jungen Frau dann eine andere allgemeinere Bedeutung: sie steht für die vielen jungen Frauen aus dem Volk, die bei unsachgemäß durchgeführten Abtreibungen ihr Leben verloren haben, beziehungsweise sich diesem Schicksal durch Selbstmord entzogen haben. Solche Gedichte haben unter anderem Brecht und Benn geschrieben. Die junge Tote steht für die Anklage gegen die verlogene ungerechte und patriarchale Gesellschaft. In der Debatte um die heutigen Femizide hat sich der Schwerpunkt der Anklage wiederum verschoben auf die gewalttätige Durchsetzung des männlichen Besitzanspruchs. In jedem Fall ist das Bild der blumengeschmückten toten Frau, die – mit der Natur im Wasser vereint – an den Lebenden vorbeizieht – eine unerschöpfliche Quelle der Anklage gegen die Unmenschlichkeit der Gesellschaft.
Georg Heyms Ophelia singt nicht mehr. Sie hat keine Worte oder Melodien für uns. Die Sprache des Gedichtes verwirrt sich, so wie die Tote im Unterwasserurwald verfangen ist. Gleichzeitig strahlt das Aufgehen dieser Toten in der Natur eine Faszination aus, die Georg Heym virtuos gestaltet bis zur schockierenden Stelle, wo der weiße Aal über ihre Brust schlüpft.
Ein Jahr später schreibt Heym ein weiteres Gedicht über eine tote junge Frau:
Letzte Wache
Wie dunkel sind deine Schläfen,
Und deine Hände so schwer,
Bist du schon weit von dannen,
und hörst mich nicht mehr.
Unter dem flackendem Lichte
Bist du so traurig und alt,
Und deine Lippen sind grausam
In ewiger Starre gekrallt.
Morgen schon ist hier das Schweigen
Und vielleicht in der Luft
Noch das Rascheln von Kränzen
Und ein verwesender Duft.
Aber die Nächte werden
Leerer nun, Jahr um Jahr,
Hier wo dein Haupt lag, und leise
Immer dein Atem war.
Kaum zu glauben, dass dieses Gedicht derselbe Dichter der Ophelia geschrieben hat. Hier gibt es kein Anliegen mehr, keine Empörung, keine Kritik, nur noch Trauer über die Endgültigkeit des Verlustes. Dies ist die dritte Fassung dieses Gedichtes, und im Verlauf des Entstehens sieht man den schrittweisen Verzicht auf alle Bilder, alle Ornamentik und eine vollkommene Konzentration auf die Situation der Aufbahrung und des Abschiedes.
Die wachsende Schlichtheit wird immer intensiver und schließlich so ergreifend, dass sich jeder weitere Kommentar erübrigt.

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