Wir spielen jetzt mit „Hin und Her“ unseren zweiten Horvath im Schlesinger-Theater nach der „Schönen Aussicht“ im Jahr 2015. „Hin und Her“ ist etwas komödienhafter und etwas burlesker als die „Schöne Aussicht“, aber genauso anti-rechts und anti-nationalistisch und – ebenfalls typisch für Horvath- genauso anti-patriarchalisch.
Als wir „Schöne Aussicht“ Ende 2015 spielten, war das genau zwischen der Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien, die das Jahr vorgeherrscht hatte, und dem Stimmungsumschwung nach den Silvesterereignissen am Kölner Hauptbahnhof, den hundertfachen Übergriffen von Männergruppen aus Nordafrika auf dort feiernde Frauen.
Dieses Ereignis und die sehr schlechte Kommunikation der Polizei und Verwaltung konnten sich die damals noch schwache AFD und andere fremdenfeindliche Gruppierungen zunutze machen, um die Politik gegenüber Asylsuchenden und Flüchtlingen in Deutschland zu immer schärferen Maßnahmen und letztlich zur Beerdigung der Willkommenskultur zu treiben.
Im Zentrum der öffentlichen Diskussion stand nicht mehr der hilfesuchende Flüchtling, der einer entsetzlichen Situation in seinem Heimatland entkommen war, sondern das Gefühl einer Bedrohung durch fremde Menschen, einer eingeschleppten Kriminalität und ausgedehnten Sozialmissbrauchs. „Man muss die Sorgen der Menschen ernst nehmen“ lautete die Parole, die diesen Perspektivwechsel begleitete.
Das hat sich nun 10 Jahre lang gesteigert, Grenzkontrollen wurden teilweise wieder eingeführt, gelungene Abschiebungen werden wie Heldentaten gefeiert, Aufnahmezusagen an afghanische Hilfskräfte kaltschnäuzig kassiert. In ganz Europa – und leider nicht nur dort – sind rechte und nationalistische Parteien im Aufwind. „Ach Europa“- diesen Stoßseufzer aus der „Schönen Aussicht“ könnte man jeden Tag ausstoßen.
Tatsächlich ist es irritierend, wenn jetzt nationalistische Politik ausgerechnet in Brüssel dominierend wird. Wir hatten in Deutschland – insbesondere nach der Wiedervereinigung 1989 – doch gehofft, der Sackgasse des Nationalismus durch immer weitergehende Integration der europäischen Staaten entgehen zu können. Dagegen wurde von klugen Menschen vorgebracht, nur weil wir in Deutschland mit unserem Nationalstaat zweimal krachend gescheitert sind, wäre dies bei anderen europäischen Ländern nicht der Fall, diese seien im Gegenteil mit sich und ihrer Nationalität im Reinen und würden sich nicht gerne von deutscher Seite aus vorschreiben lassen, ihren Nationalstaat einzuschränken.
Das ist sicher ein guter Einwand, und wir müssen uns fragen, was wir mit “Nationalismus“, den wir bekämpfen wollen, genau meinen. Deshalb haben wir in unsere Inszenierung von Hin und Her das Heine-Gedicht „Mein Vaterland“ aufgenommen, um positive Heimatgefühle von Abschottung und Feindseligkeit zu unterscheiden.
Sicherlich steht das friedliche Zusammenleben und nicht die Abschaffung der Nationalstaaten auf der Agenda der näheren Zukunft. Wenn wir die Politik der Rechtspopulisten in aller Welt betrachten, gefährdet sie nicht nur den Frieden, sondern vor allem auch die Wohlfahrt ihrer eigenen Länder – ein Paradox, das durchaus nicht neu ist in der Geschichte.

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